Am Bedarf vorbei geplant?

Neben der Sanierung des Haushaltes führt die Stadt auch gerne den hohen Bedarf nach Wohnraum als Grund für das Siedlungsprojekt an. Über 1000 Bewerber auf Bauplätze habe man bereits. Ist dies allein jedoch Grund, um über 20 Hektar fruchtbaren Bodens zu versiegeln?

1000 Bewerbungen hört sich erst einmal nach viel an. Man sollte jedoch bedenken, dass eine Bewerbung auf einen Bauplatz nichts kostet. Es kann sich also jeder bewerben und das nicht nur in Baunatal. Wie viele der Bewerber haben bereits einen Bauplatz in einer anderen Gemeinde im Raum Kassel erhalten? Wie viele der Bewerber haben aufgrund der aktuellen Zinslage und der gestiegenen Baukosten überhaupt noch die Möglichkeit einen Bauplatz zu erwerben, geschweige denn auch darauf zu bauen? Auch wenn von den über 1000 Bewerbern noch einige übrig bleiben. Wer von ihnen ist bereit, in eine Mustersiedlung zu ziehen, anstatt ein Haus nach seinen eigenen Vorstellungen zu errichten?
Vielerorts werden bereits Baugrundstücke wieder zurückgegeben, weil der Bauzwang nicht erfüllt werden kann.

Des Weiteren steht Baunatal, wie auch ganz Deutschland, vor einem demografischen Wandel. Es werden weniger Kinder geboren als je zuvor. Viele ältere Häuser werden nur noch von ein bis zwei Personen bewohnt. Dieser Trend mag für einen Industriestandort wie Baunatal durch Zuwanderung abgemildert werden, schaut man jedoch auf die Vergangenheit hat sich die Bevölkerung Baunatals und auch Kassels in den letzten 20 Jahren kaum verändert. Und das trotz mehr Wohnraum in mehreren Neubaugebieten in Baunatal! Werden also in Zukunft die Ortskerne verwaisen, während in der Peripherie immer weitere Siedlungen entstehen?

https://www.baunatal.de/de/rathaus-politik/ihre-stadt/statistik/einwohnerentwicklung.php

Auswirkungen auf die Landwirtschaft 

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Landwirtschaft in Baunatal auf dem Rückzug. Durch das VW-Werk und spätere Stadtentwicklungsmaßnahmen verloren die Landwirte immer mehr Fläche. Dies geschah teils mit Einvernehmen der Landbesitzer, teils auch durch Enteignung.

Wieso können, oder sollten die Landwirte nicht auch dieses mal weichen? Sie würden ja schließlich für ihren Verlust entschädigt.

Die von der Stadt in Anspruch genommene Fläche, ist jedoch für die dort wirtschaftenden Landwirte alternativlos. Dies begründet sich aus verschiedenen Faktoren. Zum einen handelt es sich hierbei um sehr fruchtbaren Boden. Dieser ist in Baunatal nur schwer, falls überhaupt zu ersetzten, da die meisten Gebiete mit ähnlicher Bodenqualität bereits bebaut wurden. Weniger fruchtbarere Ausgleichsflächen eignen sich ebenfalls nicht für Feldfrüchte mit hohen Ansprüchen wie zum Beispiel Kartoffeln. Hinzu kommt, dass auch weitere Landwirte, die eigentlich gar nicht betroffen sind, Schaden nehmen, wenn sie Ausgleichsflächen abgeben müssen.

Je wertvoller der vernichtete Boden, desto weitreichender sind also die Konsequenzen. Lebensmittel, die nicht mehr hier produziert werden, müssen folglich woanders angebaut werden. Unter welchen Bedingungen das dann geschieht, ist außerhalb unserer Kontrolle. Ackerland ist nicht beliebig vermehrbar!

 

Umwelt und Klima

Widerstand gegen Bauprojekte wird oft mit der Bemerkung: "Niemand will ja einen Nachbarn" kommentiert. Dasselbe kann aber auch über die Städte und Gemeinden gesagt werden. Niemand möchte der Erste sein, der seine Flächen nicht mehr versiegelt.

Auf den ersten Blick wirkt das Areal entlang der Eisenbahntrasse nach Schauenburg nicht wie ein Naturschutzgebiet. Grasfeldwege, Weizen, Kartoffeln, Raps, Mais und kein Baum. Wieso ist dieses Gebiet also schützenswert?

Nicht alle Tiere wohnen im Wald und viele bevorzugen auch offene Flächen mit niedriger Vegetation. Rebhuhn und Lerche sowie Feldhasen, ziehen hier ihrer Kinder groß. Sie finden Schutz unter den Blättern der Feldfrüchte. Der Rotmilan macht hier jagt auf Mäuse.

Zudem wird durch eine Bebauung auch die Frischluftzufuhr in den Ortskern behindert. In heißen Sommern wird es also noch heißer.

Wann fangen wir also an, mit der Bodenversiegelung aufzuhören?

Risiken und Nebenwirkungen

Die Stadt kann nach eigenen Aussagen das Baugebiet nicht selber entwickeln und hat sich daher einen Partner an die Hand geholt. Die Deutsche Habitat (kurz: deuhab) ist ein Projektentwickler aus Berlin. Gegründet wurde die Firma 2019. Sie plant neuerdings größere Bauprojekte in ganz Deutschland.

Dies wirft zunächst mal ein paar Fragen auf. Wie kommt die Stadt Baunatal an solch eine Firma? Gab es eine Ausschreibung? Ist das Baugebiet so groß, weil der Entwickler das gerne so hätte? Oder hat die Stadt das Gebiet in diesem Umfang ausgeschrieben, weil ein Investor an kleinteiliger Entwicklung kein Interesse hat?

Welche Folgen kann solch ein Entwicklungsprojekt haben? Welche Ansprüche kann der Entwickler geltend machen, wenn die Stadt ihren Teil der Vereinbarung nicht einhalten kann? Lohnt sich dieses Projekt aus Sicht der Stadt wirklich oder wird sie mit mehr Einwohnern immer noch knapp bei Kasse sein?

Noch liegen der Öffentlichkeit keine konkreten Pläne vor. Erfahrungen anderer Kommunen zeigen aber, dass die Entwicklung eines solchen Projektes Risiken mit sich bringt.

Die Bürgerinitiative "Unser Auenland" aus Bad Bramstedt beschreibt detailliert die Erfahrungen, die die Bürger bei einem ähnlichen Bauprojekt gemacht haben.

Alternativen für die Stadt

Die Stadt möchte mit dem Siedlungsprojekt ihre Kassen füllen. Mehr Einwohner bezahlen mehr Steuern. Es fallen aber auch mehr Kosten, wie zum Beispiel durch Kindergärten an. Daher wäre eine Lösung vorteilhaft, wodurch bereits existierende Infrastruktur genutzt werden kann. Dies kann zum Beispiel mit kleinteiliger Entwicklung im Innenbereich und an den Ortsrändern realisiert werden.

Sparen, wenn auch unpopulär, ist aber am Ende vielleicht die einfachste Lösung. Die Stadt Baunatal hat sich in der Vergangenheit aufgrund guter Gewerbesteuereinnahmen den ein oder anderen Luxus gegönnt. Vielleicht ist es also Zeit, die Ausgaben wieder auf ein angemessenes Niveau zurückzubringen.

 

 

 

Großenritte
1953

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